Donnerstag, 11. Oktober 2012

"Luisa." Er stützt den Kopf in seine Hände. Ich starre das Regal hinter ihm an. "Ich verstehe es einfach nicht. Du warst auf einem so guten Weg, ich dachte schon wir hätten es geschafft. Ich weiß, dass du im Grunde nichts dafür kannst, aber wieso denn bloß. Luisa, warum?." Er hebt seinen Kopf, jetzt wartet er auf eine Antwort. "Ich habe es nicht mehr ertragen", erklingt schließlich meine Stimme. Ich schaue ihm direkt in die Augen. Er ist so alt geworden, lange hält er das nicht mehr durch, dass spüre ich schon lange. Er fängt an zu glauben, dass mir nicht mehr zu helfen ist. Aber das weiß ich doch schon längst. "Und mit was? Du besuchst die Schule nur einmal die Woche, ich versuche doch alles so erträglich wie möglich für dich zu machen. Ich gebe mir solche Mühe.." Mir schießen die Tränen in die Augen und er verstummt. Bei seinen letzten Worten kann ich spüren, wie mein Herz zerreißt. Ich mache nichts anders als die Menschen um mich herum zu verletzen und zu zerstören. "Ich habe mich nicht mehr ertragen", es ist kaum mehr als ein Flüstern. Wieder vergräbt er seinen Kopf zwischen den Händen. "Ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß einfach nicht mehr weiter." Ich stehe auf und halte mich am Tisch fest um nicht mein Gleichgewicht zu verlieren. Ich atme tief durch, verdränge den Gedanken, dass ich nie über meine Gefühle rede und fange an: "Es tut mir leid. Wirklich aus ganzem Herzen, aber bitte gib mich jetzt nicht auf, alleine schaffe ich es nicht. Ich gebe wirklich alles um gesund zu werden, aber ich weiß nicht wie das geht. All diese Gedanken, wie soll ich sie denn bei Seite schieben. In meinem Kopf ist so ein Durcheinander, dass ich manchmal befürchte verrückt zu werden. Ich sitze da und schaue das Essen an und ich habe das Gefühl wahnsinnig zu sein. Ja, nein. Gut, schlecht. Immer größer wird dann das Bedürfnis meinen Kopf so lange gegen die Wand zu schlagen, bis es ganz ruhig darin ist. Aber es wird nie ruhig darin, verstehst du? Verdammte Scheiße. Ich bin schon längst verrückt, stimmt's?" Ich lasse mich auf meinen Stuhl fallen und diesmal bin ich diejenige, die ihren Kopf in den Händen versteckt. "Mein ganzes Leben dreht sich um Essen. Ich erinnere mich noch nicht mal an einen Tag, als das nicht so war. Weißt du was ich glaube, ich will doch nicht gesund werden. Aber nicht weil es nicht will, also so richtig will, sondern weil ich Angst davor habe. Ich bekomme nichts in meinem Leben hin, gar nichts. Es ist wie ein riesengroßes Puzzel und ich finde keine Teile, die zusammenpassen und wenn es mal eins gibt, dass passt, dann ergibt es aber kein schönes Bild. Alles bricht immer auseinander, was auch immer ich mache, es führt zu keinem Ziel. Das einzige was ich kann und worauf ich mich verlassen kann, ist dünn sein..." Meine Stimme wird von heftigem Schluchzen unterbrochen und ich finde keine Weg weiter zureden.
Er läuft um seinen Schreibtisch herum und nimmt mich in den Arm. "Danke. Danke für deine Offenheit." Lange hält er mich im Arm ohne etwas zu sagen, dann lächelt er. "Ich bin stolz auf dich."

Kommentare:

  1. Deine Posts sind so... schön! Auch wenn der Inhalt es nicht immer ist.
    Ich wollte dich das nur mal wissen lassen, dein Blog gefällt mir wirklich gut.
    Ich weiß gar nicht, was ich dir sagen soll, auch wenn ich gerne irgendwas sagen würde. Aber ich habe das Gefühl, dass du ziemlich stark bist, ich weiß echt nicht, wie ich das anders ausdrücken soll.

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  2. Ivh freue mich, wieder etwas von dir zu lesen. Ich glaub an dich, gebe die hoffnung nichtauf, du kannst ändern, vielleicht nicht jetgt, aber wenn du dein chaos ordnen kannst. Und ich bewundere dich dafür, all das aussprechen zu können. Dejne gedaken und Ängste.

    Viele liebe grüße.

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  3. ich bin gerade zum ersten mal auf deinem blog und irgendwie fesseln deine worte einen total. so traurig sie auch leider sind.

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